Toxpack

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Manche Geschichten muss man von ihrem Höhepunkt her erzählen. Als am 21.12.2013 die letzten Töne der Bandhymne „EBSC“ im ehr würdigen Berliner Huxley´s verklingen, liegen sich 1500 TOXPACK-Fans und –Freunde noch leicht euphorisiert und schwer durchgerockt in den Armen. Die größte Headliner-Show der Bandgeschichte ist seit wenigen Sekunden Geschichte und auf der Bühne denken Sänger Schulle und Gitarrist Tommi in diesen Momenten der totalen Zufriedenheit vielleicht gerade an den Anfang der Geschichte zurück. Einer Geschichte von Trotz und Widerstand, von Tiefschlägen und vom Aufstehen, von Anfeindungen und Loyalität. Und vor allem: Eine Geschichte von Freundschaft und dem festen Glauben an sich selbst. Und am Ende des Weges wartet: Ein neuer Anfang und der Schritt in eine neue Zukunft.

Als TOXPACK 2001 in Berlin aus der Taufe gehoben werden, ist der Weg noch weit. Sänger Schulle hatte gerade seine alte Band verlassen, und stand mit viel Lust auf neue Musik, ein paar Ideen in der Tasche, aber ohne Band da. Das erste TOXPACK-Line-Up fällt so schnell auseinander, wie es zusammen gestellt war: Man ist in den Anfangstagen mehr eine Thekenmannschaft als eine Rockband und dennoch: Schon nach den ersten Gigs – u.a. als Support der holländischen Discipline – stattet Bad Dog, Hauslabel des Kreuzberger Kult-Plattenladen Coretex, das Ensemble mit einem Plattenvertrag aus. Das Ergebnis: Ein eiligst zusammen geschustertes Debütalbum namens „Stadtgeflüster“, das zumindest als erste Visitenkarte nicht schlecht ankommt. „Was macht ein Bierpatriot, nachdem sich die Band aufgelöst hat? Nun, er versammelt ihm genehme Musiker um sich und macht weiter! Herausgekommen ist dabei ein abgeklärtes und überhaupt nicht plattes Deutschpunk-Album“, fasst das OX! damals zusammen. So richtig los geht es aber erst mit dem Einstieg von Gitarrist Tommi. Der hatte sich in der Berliner Szene mit verschiedenen Bands schon einen guten Ruf erspielt und war Anfang des Jahrtausends hungrig genug, dass es jetzt langsam mal über Demo- und Jugendzentrumstatus hinaus zu gehen hatte. Nach einem kurzen Anruf vom Musiker suchenden Schulle und einem langen Abend mit viel Bier und Musik im TOXPACK-Proberaum ist Tommi in der Band. Das Rückgrat steht, Streetcore wird geboren. TOXPACK, Anfangs noch in der Szene belächelt, nehmen Fahrt auf.

2003 – Schulle war zwischendurch für einige Wochen bei Tommi zur Untermiete eingezogen – erscheint mit „Die andere Seite“ das zweite Album der Bandgeschichte und das erste „richtige“ TOXPACK-Werk. Tommi hatte den Großteil der Musik geschrieben, alles war aus einem Guss und zeigte schon auf, wo die Reise mal hingehen könnte. Die Songs handeln von Alkohol und Fußball, Klassenkampf und Selbstbewusstsein. Micky Fitz, Frontmann der legendären britischen Oi!-Idole The Business eröffnet mit einem Gastbeitrag zu „Halbfinale“ die bis heute aktuelle Tradition prominenter Gäste auf allen späteren TOXPACK-Platten und die Reviews zu „Die andere Seite“ lesen sich besser als je zuvor. „Ein brachiales Brett aus den dunklen Gassen der Hauptstadt.“ (Moloko) „Was TOXPACK also Streetcore nennen, dürfte Hools in die Plattenläden und Jugendzentren bewegen – angesichts der Mehrheitsfähigkeit der Jungs jedoch nicht mehr ausschließlich. Es gilt: TOXPACK sind die erste Adresse in Sachen deutschsprachiger Straßenköter-Rock.“ (Legacy). Und sie kommen alle. Mit dem Einstieg von Schlagzeuger Hinni Hammer wird die nächste Lücke im Lineup geschlossen und TOXPACK entwickeln sich zu einem Fixpunkt nicht nur der Friedrichshainer-/Kreuzberger Punk- und Hardcore-Szene, in der sie bis heute ihre Heimat sehen.

Spätestens 2005 gelingt Schulle und Co. nämlich der Schritt vom Geheimtipp aus der Szene zum nun auch außerhalb der Szenemedien beachteten Rockact mit Crossover-Potenzial. Roger Miret von Agnostic Front schaut im Studio vorbei, um einen Gastbeitrag zu „Aggressive Kunst“, dem dritten TOXPACK-Album einzuröhren und Jan Jaedicke schreibt im RockHard: „TOXPACK verpassen ihrer klassischen Oi!-Basis einen anständigen Energie-Schub und haben zugleich keine Angst, hardrockig bis metallisch abzudröhnen. Dadurch hebt man sich angenehm von den Heerscharen an Nullachtfuffzehn-Uffta-uffta-Skin-Bands ab. Der Albumtitel „Aggressive Kunst“ passt unterm Strich bestens. In die Fresse, aber mit einem gewissen Anspruch.“ Eine Wertschätzung, die sich auch auf den Gigs des Jahres bemerkbar machen: Die Clubs werden größer und voller: Streetcore ist auf dem Vormarsch.

Dass Streetcore Made In Berlin dank TOXPACK ein Qualitätsmerkmal geworden ist, spricht sich auch bis ins europäische Ausland herum: Seit 2005 stehen regelmäßig Ausflüge nach Italien, Spanien oder Griechenland auf dem Plan. Die Shows in Süd-Europa sind dabei mehr als exotische Spaßtrips: Die Fans vor Ort lechzen nach hartem, tanzbarem Rock – und singen die Texte aus der TOXPACK-Feder Wort für Wort mit. Ganz besondere Erlebnisse, die die Band immer weiter zu einer Einheit mit großem Selbstbewusstsein zusammen schweißen. TOXPACK wachsen stetig und rutschen auf den Running Orders der wichtigen Szenefestivals Slot für Slot weiter nach oben. Das „Endless Summer“ – alljährlicher Treffpunkt von Punks, Skins, Normalos – wird regelmäßig beackert, genau so wie „Punk&Disorderly“ und das „Spirit from The Streets“. Vor der TOXPACK-Bühne tummelt sich seit den Anfangstagen eine wilde Mischung aus Punks, Oi!-Skins, Rockern, Hardcorelern – und vor allem Liebhabern energetischer Musik zum Mitsingen, Mitfühlen, Mittanzen. Nicht gern gesehen sind dagegen Nazi-Glatzen. Waren sie noch nie, werden sie nie sein. Auf TOXPACK-Shows wird die alte Sham 69-Vision lebendig: „If the kids are united – they will never be divided.“ Umso grotesker, dass sich die Band – die ihre Wurzeln in der Berliner Punkszene hat – auf einmal mit anonymen Vorwürfen konfrontiert wird, rechtsoffen zu sein. Schon 2005 äußert sich Schulle im Punk-Fanzine „OX!“ ultimativ zu den Vorwürfen: “Ich kann das nicht mehr hören. Genauso viele Nazis, wie diese Leute im Fernsehen gesehen haben, haben wir auf der Straße weggetreten und treten sie immer noch weg. Bei unseren Konzerten sind sowohl Punks als auch Skins, nicht zu verwechseln mit Nazis. Sollten sich Nazis auf einem unserer Konzerte enttarnen, gibt es auf die Mütze. Das war schon immer so und so wird es auch bleiben“, Noch Fragen? Statt sich weiter über Anonymes zu ärgern, spielen TOXPACK lieber weiter Gig um Gig, konzentrieren sich auf ihr neues Album. „Cultus Interruptus“ heißt es, erscheint 2007 und präsentiert mit Köfte (Mad Sin) und Atze von den Troopers auf dem Titelstück zwei echte Berliner Originale. Ebenfalls mit dabei: Die 2006 neu verpflichteten Erik und Martin an Gitarre und Bass. Die erste richtig vollwertige TOXPACK-Besetzung, die 7 Jahre halten sollte, ist damit komplett.

2009 liefern TOXPACK mit „Epidemie“ das bis dahin stärkste Album der Bandgeschichte ab. Nicht nur die Gäste Joost de Graaf und Eric Wouters von Discipline oder Gary Meskil von Pro-Pain, sondern vor allem das Songwriting machen die Platte zu einem wichtigen Meilenstein in der Bandgeschichte. Das „Ox“ vergibt 9/10 Punkten und jubelt: „TOXPACK sind in Höchstform, liefern ein verdammt geiles Album ab und haben ihren Stil, den sie immer noch (berechtigt) Streetcore nennen, ohne groß erkennbare Zugeständnisse an Massenkompatibilität beibehalten.“ und powermetal.de sekundiert: „Nach zehn Jahren bereits eine Legende: Auf TOXPACK ist Verlass!“ Dass die Platte die Berliner nicht weiter nach vorne bringt, liegt an den unglücklichen Umständen, unter denen „Epidemie“ erscheint. „People Like You“, das neue Label, bei dem TOXPACK auf Vermittlung von Broilers-Frontmann Sammy unterschrieben hatten, wurde von der Insolvenz des Vertriebs SPV mit in den Abgrund gerissen und konnte dem Album so nicht die Beachtung verschaffen, die es verdient gehabt hätte. Als der Rettungsplan für das Label steht, ist die Sache schon durch, TOXPACK stehen mit ihren Wünschen am Ende einer langen Schlange und entscheiden sich Ende 2009, wieder getrennte Wege zu gehen. Dennoch: Die eigene Fanbase bejubelt das Album, die Presse auch – und es bahnt sich sogar trotzdem den Weg zu ein paar neuen Hörern. Einer davon ist BETONTOD-Chef Eule: „Wir sind erst durch „Epidemie“ auf die Jungs aufmerksam geworden. Ein geballter Sound mit intelligenten Texten. Diese Kombination war damals so nicht häufig anzutreffen.“ Überragend auch das Feedback auf der Ende des Jahres laufenden gemeinsamen Tour mit den Labelkollegen Broilers und Demented Are Go. Doch vergessen ist der Ärger dadurch nicht. Besonders Tommi ist niedergeschlagen und denkt mehr als einmal darüber nach, ob sich der Einsatz und die Leidenschaft überhaupt lohnen, die alle in die Band stecken. Denn auch wenn es immer weiter geht, die Band in der Szene und im deutschsprachigen Raum einen exzellenten Ruf genießt – so richtig vom Fleck kommt man Ende des Jahrzehnts nicht.

Das ändert sich erst 2011: Mit „Bastarde von Morgen“ schieben TOXPACK ein Manifest in Sachen Loyalität, Freundschaft und Wut nach, das Gehör findet. An den Reglern sitzt für „Bastarde von Morgen“ (Sunny Bastards) zum dritten und letzten Mal die Produzentenlegende Harris Johns (Slime, Daily Terror, Kreator, Helloween und viele mehr). Mit dem Album geht es auf Headlinertour durch Deutschland, das Ausland steht wieder für einige Gigs auf dem Plan und vor allem stellen TOXPACK einmal mehr fest, dass kaum mehr als ein Quäntchen fehlt, um national ganz vorne mit zu spielen. Die richtige Zeit, der richtige Ort – und die Sache wird groß. Das Video zur gleichnamigen Single wurde bis heute knapp über 500.000-mal angeschaut und das Album landet sogar in irgendwelchen Newcomer-Charts. Ein „Scherz“ der Plattenindustrie, der Tommi und Co. nach zehn Jahren Bandgeschichte kaum mehr als ein zynisches Lachen entlocken kann. Es geht nicht um Chartplatzierungen, sondern um ehrliche Arbeit, ehrliche Emotionen und große Refrains. Und um Loyalität, schon immer. Deswegen lassen TOXPACK ihren langjährigen Bassisten Martin traurig aber in aller Freundschaft ziehen, als der die Band 2012 verlässt. An seine Stelle tritt mit Stephan nur ein langjähriger Freund von Martin, sondern auch ein in der Berliner Szene ebenfalls tief verwurzelter Nachfolger.

Für „FRISS!“, das siebte Studioalbum von TOXPACK, haben die Berliner als Produzenten Michael Mainx verpflichtet, der schon für D-A-D, Tankard, die Böhsen Onkelz und viele andere Größen an den Reglern gesessen hat. Der Kontakt kam zustande, als TOXPACK Anfang 2013 den ehemaligen ONKELZ-Chef Stephan Weidner alias DER W auf dessen Tour für 5 Shows begleiten und vor und hinter der Bühne großartiges Feedback ernten.
Zwischen Januar und Juni reisen Tommi, Schulle und Co. zwischen Berlin und dem studio23 in Frankfurt hin und her. Daheim wird permanent an den Songs gearbeitet, in Frankfurt wächst die Scheibe dann endgültig zusammen. So vorbereitet, so fokussiert waren TOXPACK in ihrer Bandgeschichte noch nie. Im Studio entsteht zusammen mit Produzent Michael Mainx ein Werk voller Sprengkraft und Stärke – Streetcore für Fortgeschrittene. Und für „Nichts hören, sehen, sagen“ haben die Berliner dann auch gleich den Hausherrn begeistert und verpflichtet: Berlin meets Frankfurt – Toxpack meets Stephan Weidner. Eine Zusammenarbeit, die bei diesem Song besonders Sinn macht. Kein Namedropping, sondern Herzenssache: Das gemeinsame Statement gegen Rechts und Ignoranz. Eine Ein-Song-Allianz in einem 13-Nummern-Starken Kritikkonglomerat. TOXPACK haben eine Menge zu erzählen und tun das auf „FRISS!“ einmal mehr besonders laut.

Für „FRISS!“ unterschreiben die Jungs mal wieder einen neuen Labeldeal: Better Than Hell, Plattenfirma der Kollegen von Betontod, ist die neue Heimat der Berliner. Die Erwartungen sind klar: Die richtige Platte, die richtige Zeit, der richtige Ort. Jetzt oder nie. Und wenn Ende 2014 das Licht im ausverkauften Huxley´s wieder für ein neues „Heimspiel“ ausgeht, ist es Zeit, neue, große Erinnerungen zu produzieren.
(Till Erdenberger)

 

 

Das Deutschrockfestival in Nauen bei Berlin